Kleine Weihnachtswunder für die Serra Teil 1

Zu Weihnachten gab es in der Serra de Monchique schöne Zusammenkünfte mit Geschenken und neuen Hilfsperspektiven für die von den Bränden betroffenen Menschen. Auch wenn der Weihnachtsschlachtplan, den Alina und ich uns zurechtgelegt hatten, am Ende doch etwas anders als geplant ausgeführt werden musste, so gab es dennoch eine Menge strahlender Kinderaugen und Hoffnung, die neu entfacht werden konnte.


Fotos und Bericht: Susanne Koplin


Schon bei meinem letzten Aufenthalt in Portugal im November planten Alina und ich, dass wir unseren Lieben in Monchique unbedingt eine Weihnachtsüberraschung bereiten wollten. Einmal sollte es nicht nur um die Brände und den anstrengenden Alltag gehen, sondern Geschenke für die Kinder und eine kleine Auszeit für die Erwachsenen geben. Letztere wollten wir mit selbstgebackenen Plätzchen verwöhnen, die ich in Deutschland backen sollte. Alina kümmerte sich derweil um die Präsente für die Kiddies und fragte bei den Eltern nach, was die Kleinen sich wünschten.

Außerdem bot uns Bernadette Abbott sogenannte Reverse Advent Calendard für die Familien mit Kindern in Monchique an. Dabei handelt es sich um umgedrehte Adventskalender - eine Familie packt jeden Tag eine Sache in den Adventskalender hinein, statt wie üblich etwas herauszunehmen, und am Ende bekommt ihn dann eine bedürftige Familie. Eine tolle Idee fanden wir sofort und meldeten 5 unserer Familien aus Monchique dafür an.

Da ein paar unserer "Schützlinge" über die Festtage nicht in Monchique sein würden,  teilten Alina und ich unsere Weihnachtsbesuche auf und planten die 2 Wochenenden vor Weihnachten dafür ein.

16.12. - Weihnachtsbesuch Nr. 1

Am 16.12. machen wir uns vollbepackt mit Plätzchendosen und Geschenken auf in die Serra. Als Erstes steht an diesem Sonntag ein ein Besuch bei Senhor Manuel Baltazar an, den wir bis dahin nicht persönlich kennengelernt haben.  Dieser neue Fall dämpft unsere Weihnachtsfreude erst einmal, denn wir fühlen uns wie an den Anfang des Hilfsprojekts zurückversetzt, als wir die schlimmen Verhältnisse sehen, unter denen er lebt. Mehr über das Schicksal des schüchternen Maurers aus Poio do Linho  erfahrt ihr in diesem gesonderten Bericht über Sr. Baltazar.

Nachdem wir gemeinsam mit Mitgliedern des Rotary Clubs alle Dinge aufgenommen haben, die Sr. Baltazar benötigt und auch er eine Döse meine Plätzchen bekommen hat, fahren wir zu Senhor Franco. Der lebhafte kleine Mann lässt uns wieder lächeln, zu mitreißend ist seine Art. Auch er hat durch die Flammen sein Wohnhaus verloren, dank Ajuda Monchique aber eine gemütliche kleine Einzimmerbleibe in seinem Schuppen eingerichtet bekommen. Das kleine Duschbad, wozu auch Alina einen kleinen Teil aus dem Spendentopf zugeschossen hat, ist inzwischen fertig. Doch leider gibt es kein warmes Wasser, da der Wasserdruck zu niedrig ist und der Durchlauferhitzer nicht anspringt. Während sich die Damen vom Rotary Club diesem Problem annehmen, überreichen wir Sr. Franco die selbstgebackenen Plätzchen.

Er bedankt sich mit gefühlt einer Tonne portugiesischem Kohl und Kopfsalat aus seinem Garten. Mich freut das besonders, denn frischeres Biogemüse für meine geliebten grünen Smoothies kann ich wohl kaum kriegen. Alina muss Sr. Franco irgendwann dann aber doch fast aus den Beeten schleifen, damit er aufhört, Tüte um Tüte voll zu packen. Leider müssen wir nämlich schon weiter, Nuno und Cristina von der Água Balsa Komune warten am Intermarché schon auf uns.

Am Intermarche Supermarkt bekommt Alina erst einmal einen großes Schreck, denn Nuno hat nicht nur seine kleine Tochter dabei, sondern auch die etwa gleichaltige Cousine der Kleinen. Es gibt aber nur ein Geschenk und wie soll man den Kindern erklären, dass das eine etwas bekommt, das andere aber nicht. Während Alina mit Nuno über das Problem spricht, hat seine Tochter das Päckchen schon entdeckt und es ist zu spät für einen Rückzug. Nuno beruhigt Alina, und meint, die beiden würden einfach teilen. Glücklicherweise ist das dann auch überhaupt kein Problem, denn es handelt sich um ein Malbuch und Buntstifte. Die beiden Mädchen legen dann auch direkt fleißig los und verzieren einträchtig nebeneinander auf den Caféstühlen stehend das neue Malbuch.

Dass Teilen und ein harmonisches Zusammenleben in der Água Balsa Komune großgeschrieben werden, zeigt sich auch in der Folge als wir Nuno die Dose mit Plätzchen überreichen. Statt selbst hineinzugreifen, bietet er uns davon an und jedem Umstehenden. Wir lehnen dankend ab, schließlich soll diese kleine Freude allein für ihn und seine Lieben sein. Zum Schluss erklärt Nuno dann Jovita, Dulce und Sr. António vom Rotary Club sein Projekt und es wird verabredet, sich am folgenden Wochenende auf dem Gelände der Kommune zu treffen, um vor Ort zu schauen, was gebraucht wird.

Nachdem es den ganzen Vormittag in Strömen geregnet hat, bricht jetzt die Wolkendecke auf und die Sonne bahnt sich ganz vorsichtig ihren Weg. Nicht nur sie ist uns nun wohlgesonnen, auch der Zufall möchte, dass wir als nächstes direkt beim Intermarché auf Pablo und seine Familie treffen. Eigentlich wollten wir Pablo, Karina und ihre zwei Jungs auf ihrem Baugrundstück besuchen, doch aufgrund des schlechten Wetters mussten sie die Arbeit am neuen Häuschen unterbrechen. Alina holt direkt die Geschenke aus dem Auto und präsentiert sie Malick (5) und Nilan (3).


Als sie Alina mit ihrer Weihnachtsmütze und den beiden großen Päckchen sehen, fangen ihre Augen an zu strahlen.  Sogar der kleine Nilan, der eigentlich gar nicht fit ist, sondern eine fiese Bronchitis hat, öffnet begeistert sein Geschenk. Auch die Plätzchen kommen sehr gut an. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit Pablo und Karina und versprechen ihnen, demnächstmit den Rotariern zu ihnen zu kommen, damit sie auch ihnen helfen können.

Da wir nun noch Zeit haben, ruft Alina Mercedes an. Die junge Mutter lädt uns auf einen Tee in das Haus ihrer Eltern ein. Alina ist sichtlich erleichtert, dass wir nicht nach Perna da Negra fahren müssen, denn diese Strecke ist und bleibt für sie die schlimmste in ganz Monchique.  Heute müsen wir nur bis zum Schild, dass den Abhang Richtung Perna da Negra hinunterführt und treffen Mercedes auf einem kleinen Aussichtspunkt ein paar Meter weiter. Mercedes wartet schon auf uns mit ihrem kleinen Peugeot und dem fröhlich bellenden Vierbeiner. Das Wiedersehen fällt sehr herzlich aus.

In den letzten Wochen haben wir uns Sorgen um die sonst immer so starke Mercedes gemacht. Die tatkräftige, immer positiv in die Zukunft blickende junge Frau schien zunehmend depressive Tendenzen zu zeigen. Darum hat Alina ihr heute eine kleine Überraschung mitgebracht. Von den Spendengeldern sollten nur Geschenke für die Kinder gekauft werden, aber von ihrem eigenen Geld hat Alina für Mercedes ein sogenanntes "Wunscharmulett" gekauft. In dem kleinen silbernen, mit Schmucksteinen verzierten Röhrchen ist Platz für ein Papierröllchen auf dem man seinn Wunsch notiert. Wenn sich der Wunsch erfüllt, legt man es ab und kann einen neuen Wunsch hineintun.  Mercedes ist sichtlich gerührt und legt die Kette sofort an. Dann geht es weiter zum Haus, wo der kleine Noah gemeinsam mit seinem Vater schon auf Mama wartet.

Das Haus von Mercedes Eltern steht auf einer Anhöhe bei Canivete und bietet einen atemberaubenden Ausblick über die umliegenden Hügel bis hin nach Alferce. Das kleine Paradies  hat nur einen Haken - es ist nur über einen ungeteerten Weg zu erreichen, der an einem ziemlich hohen Abgrund entlangführt. Umso überraschter bin ich, dass Alina diesen Weg problemlos meistert. Vor ein paar Wochen noch hätte sie sicher komplett kapituliert und ich hätte das Steuer übernehmen müssen. Wieder einmal zeigt sich, wie sehr man an deinen Aufgaben wachsen kann!

Das Zuhause von Mercedes Eltern ist ein zauberhaftes Häuschen in typischem Stil und Mercedes muss uns einfach herumführen. Als wir auf die umliegenden Hügel blicken, wo das Gras nur teilweise verdecken kann, wie nah das Feuer auch diesem Haus kam, können wir kaum glauben, dass Mercedes Elternhaus verschon wurde.

Ganz unbeschadet blieb es nicht, verrät uns Mercedes darauf. De facto hat das Feuer einen Raum komplett unbewohnbar gemacht - das Schlafzimmer ihrer Eltern. Von außen muss man genau hinsehen, aber als wir dann zum zweiten Mal in die gemütliche Wohnküche eintreten, sehen wir die Spuren der Flammen an der Tür zum Schlafzimmer. 


Als uns Mercedes die Tür öffnet, müssen wir erst einmal schlucken. Von einer intakten Welt geht es direkt in die Hölle. Das einstige Schlafzimmer ist nur noch ein schwarzer Schlund. Das Bett ist komplett verbrannt, Bücher und Teppich angesengt, an der Wand befindet sich der rußige Umriss eines Kreuzes. Das Zimmer könnte auch einem Horrorfilm entsprungen sein. Einzig die Katze des Hauses scheint sich davon nicht beirren zu lassen. Sie stöbert neugierig im Zimmer herum und muss von Mercedes hinausbefördert werden.


Als Ausgleich dafür bekommt sie reichlich Streicheleinheiten von uns allen. Mercedes erzählt uns, dass das Tier oft einsam ist, denn sein Spielgefährte hat den Brand nicht überlebt. Die Klingel unterbricht die sich anbahnende trübe Stimmung, ein mit Mercedes Eltern befreundetes Ehepaar ist zu einem kurzen Besuch hereingeschneit. Nachdem die beiden sich wieder verabschiedet haben, zeige ich Mercedes den Bildband, den ich im Rahmen des Hilfsprojekts erstellt habe. "Ashes & Hope"* zeigt die Kraft der Menschen und der Natur, trotz der gewalitigen Zerstörung nicht aufzugeben. Der Erlös aus dem Verkauf fließt zu 100 % wieder in die Hilfsaktion. Als Noah ein Bild von sich darin entdeckt, zeigt er begeistert darauf.


Wir sitzen noch ein Weilchen gemeinsam mit Mercedes und Luis, Noahs Vater, in der Küche, während Noah wie ein Wirbelwind durch den Garten und das Haus fegt. Zusammen mit seiner Mutter wird er am Mittwoch nach Holland reisen, wo die beiden Weihnachten bei Freunden und Familie verbringen werden. Seine grün und blau verfärbte Zunge verrät, dass ihm meine Plätzchen sehr gut schmecken und ich freue mich, dass die farbigen Kinderkekse so gut ankommen.

Zum Abschluss des Tages schauen wir noch kurz im Restaurant „Teresinha“ vorbei an der Straße zum Foia. Dort findet die Weihnachtsfeier der Feuerwehr von Monchique statt. Senhor José Gonçalo, der Präsident der Bombeiros, hatte uns eingeladen, auf Kaffee und Kuchen vorbeizuschauen - als dank für die große Spende, die wir ihm im August übergeben hatten. Weil wir uns anfangs nicht so recht hineintrauen, kommt Sr. Gonçalo uns am Eingang abholen und führt uns durch den lauten bunten Haufen aus Feuerwehrmännern und -frauen und ihren Familien. Es ist schön, die ausgelassene Stimmung mitzuerleben, auch wenn ich mich im ersten Moment etwas überfordert fühle und mir komisch vorkomme, hier als Außenstehende hineinzuplatzen. Sr. Gonçalo führt uns an seinen Tisch, versorgt uns mit einer Auswahl typisch portugiesischer Weihnachtskuchen und schon sind wir Teil der Feuerwehrfeier. Zum Abschluss staunen wir dann nicht schlecht, als wir die portugiesische Version von Udo Jürgens „Griechischer Wein“ - von Sr. Mario am Akkordeon gespielt - hören. Mit einem Lächeln und - zumindest ich - Kuchenkrümeln auf den Lippen verabschieden wir uns schließlich und fahren in der schnell sinkenden Abendsonne nach Hause.

Ihr möchtet wissen, wie es weitergeht und alles über Weihnachtsbesuch Nummer 2 lesen? Dann folgt diesem Link!


* Den Erlös meines Bildbandes "Ashes & Hope" gebe ich komplett an Alina Stoicas Hilfsprojekt weiter. Ihr könnt ihn entweder über den angegebenen Link über den Anbieter blurb.de kaufen oder direkt bei mir zum Sonderpreis bestellen.

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